Barbara Große


Barbara Große

Aus der DDR-Diktatur in die Mainzer Freiheit

Es hatte sich herumgesprochen, dass die Stasi frühmorgens an der Wohnungstüre klingelte, den Ausreiseantragstellern die notwendigen Papiere und Bahnfahrkarten aushändigte und einen aufforderte, das Land bis spätestens 11 Uhr zu verlassen. Wir glaubten ganz fest daran, dass dies alles am nächsten Tag so geschehen würde, trotz aller Aufregung waren wir in Hochstimmung. Wir haben uns immer an solche Infos geklammert. Sonst wären wir zugrunde gegangen.

Am nächsten Morgen, es war der 19. Januar 1983, kurz nach sechs Uhr, herrschte bei uns wie immer rege Betriebsamkeit, vor allem in der Küche. Wir redeten wenig, gingen unseren Gedanken nach, auf unseren Gesichtern lagen Hoffnung und Vorfreude. Gegen sieben Uhr klopfte es an der Wohnungstür. Ich dachte, das ist die Stasi, unsere Hoffnung erfüllt sich, wir lagen also mit unseren Spekulationen richtig. Ich öffnete – noch in Nachtwäsche und Morgenmantel – die Tür, soweit es die Kette zuließ, die wir angebracht hatten, weil wir kein Schnappschloss, sondern nur einfache Klinken hatten. Sofort schob einer wie im Film seinen Fuß dazwischen und eine Hand mit dem Ausweis „Staatssicherheit“. Ungehalten brüllte er: „Öffnen Sie sofort die Tür.“ Ich erklärte ihm, dass ich die Kette nur aushängen könne, wenn er seinen Fuß herausziehe. Danach betraten sechs Männer und eine Frau die Wohnung. Wie bei der SS trug jeder einen Ledermantel oder eine Lederjacke. Meine Mutti hatte vor einiger Zeit aus Holland Trinkgläser mit Motiven der Sesamstraße mitgebracht. Die bunte Verpackung mit der „Sesamstraat“ und den Sesamfiguren hatte ich in den Flur gehängt und darunter standen nun aufgereiht die Stasi-Nazis. Ein Anblick zum Piepen. Doch das war nur ein Sekundenspaß.

Noch immer glaubte ich daran, dass wir ausreisen könnten, und sagte: „Ist ja schön, dass Sie kommen, aber es ist vom Zeitpunkt her ein bissel ungünstig. Wir sind noch gar nicht angezogen und auch noch nicht reisefertig.“ Der Wortführer geiferte mich an: „Ziehen Sie sich an, Sie sind verhaftet!!!“ „Ich? So ein Quatsch, warum denn das, ich habe nichts Unrechtes getan. Ich möchte sofort jetzt wissen, weswegen.“ „Den Sachverhalt erfahren Sie auf unserer Dienststelle. Ziehen Sie sich an!“ Er wurde richtig böse.

Noch hielt ich das alles für einen Irrtum und eine Einschüchterungsmaßnahme ...


Aus: Barbara Große, Aus der DDR-Diktatur in die Mainzer Freiheit, ISBN 978-3741208929, 15 €