Detlef Postler


Detlef Postler

Schwarzweiß

Ich sprach dann auch unkontrolliert. Je stärker die Aura wurde, je näher der Anfall kam, desto lauter sagte ich: „Jetzt wird mir schlecht.“ Und während des Anfalls sagte ich immer: „Mir ist schlecht, ich muss mich jetzt hinlegen, ich muss schlafen. Macht bitte dunkel, macht das Rollo runter, macht dieVorhänge zu.“ Immer dasselbe Spiel. Was mich natürlich auch bei den Leuten lächerlich machte, weil sie nicht wussten, warum ich mich plötzlich so seltsam verhielt.

Meine Mitschüler spielten diese Anfälle sogar in meiner Anwesenheit nach. Sie mobbten mich immer mehr und gingen mir bald alle aus dem Weg. Kinder können grausam sein. Sobald ich in der Schule den Klassenraum betrat, sagten sie: „Oh Gott, du stinkst, geh weg!“ Mein Banknachbar drückte mich immer samt meinem Stuhl von sich weg. Oder sie zogen mir, wenn ich mich setzen wollte, den Stuhl beiseite. Im Schulhof stand ich in irgendeiner Ecke ganz allein. Hin und wieder hockte ich auch in den großen Papierkörben, Schuhe aus, Socken aus und in den Mund gesteckt. Im Sport, zum Beispiel beim Wasserball, schwammen vier, fünf Mitschüler auf mich zu und tauchten mich unter. Dann war ich halt weg. Es wollte auch nie jemand mit mir in der gleichen Mannschaft sein. Schon beim Duschen wurde ich wortwörtlich ausgegrenzt: Ich durfte nicht zusammen mit den anderen unter die Dusche, sondern musste die einzige abgetrennte Kabine, die es gab, benutzen. Mehrmals schütteten meine Mitschüler mir dann Bademützen voll eiskaltem Wasser über die Trennwand auf den Kopf. Der Lehrer war nie dabei, aber ich hätte mich auch nicht getraut etwas zu sagen – aus Furcht davor, dass sie mir dann noch heftiger zusetzen könnten. 

Keiner wusste, was mit mir los war, niemand konnte diese Aussetzer einordnen. Ich wusste ja selbst nicht, was plötzlich mit mir passierte. Es kam aus dem Nichts – und dann war es wieder weg ...


Aus: Detlef Postler, Schwarzweiß, ISBN 978-3744831246, Preis 14,50 €