Gustav Nolda


Gustav Nolda

Bald ein Jahrhundert

In den 50er Jahren, kam das Fernsehen auf. Unser Nachbar hatte einen kleinen Fernsehapparat im Fenster stehen – der erste in ganz Bretzenheim! Die Leute standen draußen davor und guckten durch die Scheibe ins Zimmer. Schließlich wurde es ihm verboten, das Gerät im Fenster stehen zu lassen, weil sich die Menschen aus Neugier dort versammelten. Er sagte zu meinem Vater: „Herr Nolda, kann ich nicht bei euch meinen Fernseher aufstellen?“ Das war vielleicht eine Attraktion! Und sehr gut für unser Geschäft. Das Café in der Wilhelmsstraße war immer rappelvoll. Deshalb schlug ich meinem Vater vor: „Das Beste wäre es, wenn wir uns einen Apparat anschaffen. Entweder gleich oder gar nicht.“

Also fuhren wir in die Stadt und kauften einen handgefertigten, die damaligen Geräte kamen noch nicht vom Fließband. Nun hatten wir in Bretzenheim den ersten großen Fernseher. Unter dem Bildschirm, der von einem Gehäuse umgeben war, befand sich der Lautsprecher. Unser Geschäft erfuhr einen enormen Auftrieb. Leute kamen, die vorher noch nie in unserem Laden gewesen waren. Die meisten von ihnen blieben uns auch später als Kunden treu.

Bei Sportveranstaltungen wie der Fußballweltmeisterschaft 1954 befestigten wir wegen des enormen Andrangs sogar Nummern an den Stühlen und verkauften nur so viele Platz- und Verzehrkarten, wie wir Plätze hatten. Die Gäste konnten auswählen, was sie wollten, nur Getränke oder auch Essen. Meistens saßen auch viele Studenten bei uns. Ich sehe noch vier von ihnen vor mir, die ankündigten: „Wir kommen morgen früh, macht etwas zum Mittag.“ Also kochten wir Nudeln und Gulasch, glaube ich. Sie blieben dann von morgens bis abends bei uns und sahen fern.

Egal, was im Fernsehen lief, die Leute haben alles gern gesehen. Den Blauen Bock gab es schon, „Dalli Dalli“ auch bald und die Sendungen mit Hans-Joachim Kulenkampff und Peter Frankenfeld. Wir hatten ja eine Vollkonzession, die Gäste konnten auch Bier oder Wein trinken, nicht nur Kaffee. Abends boten wir Würstchen oder Rippchen an.

Jahrzehntelang hatten wir das Geschäft auch abends auf. Als aber nach und nach immer weniger Gäste kamen, da sie nun zuhause fernsahen, entschied ich: „Jetzt können wir abends schließen.“